Rezension – Emma Trevayne: Coda und Chorus

Ich liebe dystopische Romane – in erster Linie, wenn sie gut sind ;-). Der Hype ist mittlerweile ganz schön abgeflacht, bei einigen Verlagen stehen Geschichten mit „dystopischen Zügen“ sogar auf der Ausschlussliste. Auch die Reihe, die ich kürzlich gelesen habe, hat schon einige Jahre auf dem Buckel. Die beiden Bücher sind 2013 bzw. 2014 erschienen – doch mit Coda und Chorus von Emma Treyane kam ich in den Genuss eines außergewöhnlichen Dystopie-Zweiteilers.

Mit dem folgenden Outline vieler dystopischer Reihen, die es in den letzten Jahren zur Berühmtheit geschafft haben (und zwar zu wesentlich mehr als Trevaynes Reihe), übertreibe ich ganz absichtlich ein bisschen. In etwa kann man sich viele Reihen so vorstellen: Es wird ein scheinbar perfektes System dargestellt, in dem die zumeist jugendlichen Protagonisten zum Beginn der Reihe einen wichtigen Tag in ihrem Leben erfahren, zum Beispiel die Wahl ihrer Fraktion oder etwas Ähnliches. Ausgerechnet an diesem Tag geschieht jedoch ein klitzekleiner Fehler in der scheinbaren Perfektion, woraufhin die zumeist weibliche Hauptfigur irgendwo zwischen den Seiten 20 und 40 beschließt, dass dieses System jetzt gestürzt werden muss.

So, wie gesagt, etwas übertrieben. Ein weiteres Muster, das sich durch dystopische Bücher, aber durchaus auch Serien und Filme zieht: Kaum jemand hat den Mut, darzustellen, was denn danach passiert, falls die Revolution denn überhaupt erfolgreich ist. Was geschieht denn genau mit der Welt und den Menschen?

Was ich kurzum sagen will: Emma Trevaynes Reihe ist in vielen Bereichen einfach wesentlich tiefgründiger, ausformulierter und vor allem vielfältiger aufgestellt als viele der Genrekollegen. Sogar, wenn im zweiten Band erwähnt wird, wie die dargestellte Gesellschaft überhaupt entstanden ist, wird sich nicht nur mit einem Krieg rausgeredet, sondern kurz skizziert, wie aus einer eher zufälligen medizinischen Entdeckung schließlich die Waffe der Regierung wurde.

In der Welt von Coda und Chorus geht es um codierte Musik, die Menschen gefügig, aber gleichzeitig aus süchtig macht. Dass sich jeder regelmäßig die Tracks anhört, wird auch überwacht, denn es ist nicht erwünscht, dass jemand nicht süchtig ist. Schnell stellt sich aber heraus, dass eben nicht einfach nur Musikstücke mit unterschiedlich starker Wirkung gibt, die beispielsweise die Stimmung heben oder Schmerzen lindern können, sondern es geht noch viel mehr – Anthem, der Protagonist des ersten Bands, erlebt direkt mit, wie einer seiner Freunde durch einen solchen Track zu Tode kommt.

Was Coda wunderbar darstellt ist die Entwicklung und das Erheben einer Revolution – mit allen Themen, die dazu gehören: Aggression, Verrat, Liebe, Freundschaft, auch Rache. Doch sogar die Liebesgeschichte, die in einem Buch mit jugendlichen Protagonisten ja irgendwie zwangsläufig dazu gehört, ist besser als oftmals sonst. Sie ist nämlich alles andere als platt – und zwar nicht nur, weil Anthem bisexuell ist. Sein Exfreund schwirrt ihm noch im Kopf herum, während er sich in Haven verguckt, jedoch durch einen düsteren Plan von ihr getrennt wird, wobei das alles gar nicht so ist, wie es zunächst scheint.

Coda ist auch wunderbar darin, zu zeigen, dass eine Revolution nicht so einfach ist, wie sich das die Protagonisten vielleicht nicht immer denken. Sie wissen: Es wird nicht alles besser, wenn die Regierung weg ist, vielleicht schlimmer. Zumal die Sucht der Menschen nicht einfach so verschwindet. Sie wissen auch: Die Regierung sorgt auch dafür, dass die guten Dinge im Land laufen. Und: Wir können nicht alles alleine machen.

Chorus setzt diese Geschichte ebenso gekonnt fort, denn auch acht Jahre nach dem Ende des ersten Bands ist der ganze Prozess noch längst nicht abgeschlossen. Wir folgen diesmal Alpha, Anthems Schwester, die nach L.A. gezogen ist, um sich dort um eine Heilung für sich und ihren Zwillingsbruder Omega zu finden, denn die beiden waren als Kinder nur ein einziges Mal der codierten Musik ausgesetzt – was sich bei Alpha bis heute in Flashbacks und dem ständigen Drang, es wieder zu tun, äußert.

Sie kehrt in die Heimat zurück, weil Anthem mittlerweile im Sterbebett liegt. Vor den Ereignissen in Coda arbeitete er nämlich als Conduit und speiste die Energie seines Körpers direkt ins „Framework“ ein, weil man nämlich nicht mehr mit traditioneller Energie, sondern eben der Energie der Conduits arbeitete, was deren Lebenserwartung allerdings drastisch verkürzte.

Alpha muss lernen, dass der nahende Tod ihres Bruders nicht das einzige Unheil ist, was sie zu Hause erwartet – mehr Leute als erwartet scheinen süchtig nach Tracks zu sein – und bald werden ihr Freund und andere ihrer Bekannte aus L.A., die alles nur aus ihren Erzählungen kannten, mit in die Rückkehr der einstigen Regierung gezogen, die nur auf den richtigen Moment wartete.

Auch Band 2 ist unheimlich stark, auch wenn in der zweiten Hälfte vielleicht Einiges etwas überstürzt wirkt. Wer siegt oder nicht, sei einmal dahingestellt, denn so oder so ist die Botschaft von Chorus klar: Selbst, wenn man gewinnt, kann die andere Seite, oder Menschen mit ähnlichen Ideen, jederzeit zurückzukehren.

Wer eine Reihe mit vielfältigen Figuren, einer tollen Welt und einer vielschichtigen Geschichte lesen will, sollte definitiv einen Blick auf diese Reihe werfen!

Bitte, lest die englischen Ausgaben, auch wenn es den ersten Band mit dem wundervollen Titel Songs of Revolution auch auf Deutsch gibt.

Coda bei Amazon (englisches Taschenbuch)

Chorus bei Amazon (englisches Taschenbuch)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Beim Hinterlassen eines Kommentars wird Ihr Name, E-Mail-Adresse, IP-Adresse sowie Ihre Texteingabe gespeichert, damit der Kommentar angezeigt werden kann. Bitte lesen Sie dazu unsere Datenschutzerklärung!

*