Rezension – Jay Coles: Tyler Johnson Was Here

Ich hatte nicht erwartet, dass Jay Coles‘ Tyler Johnson Was Here eine leichte Lektüre werden würde. Das Thema ist brisant, wichtig, und seit einer Weile in der amerikanischen Literatur angekommen: Es geht um Polizeigewalt und das anhaltende Rassismusproblem in Amerika. Das Buch ist einer der aktuellsten Vertreter der Werke, die von der #BlackLivesMatter Bewegung inspiriert wurden. Ich hatte sehr hohe Erwartungen an das Buch und wurde auf mehreren Ebenen überrascht. Mehr erfahrt ihr im Beitrag.

Zunächst einmal muss man sagen, dass Tyler Johnson Was Here inhaltlich schon für einige Überraschungen sorgt. Klappentext und Inhaltszusammenfassung des Verlags sind ziemlich prägnant und stellen das zentrale Thema des Buches in den Mittelpunkt: Auf einer Party, die der Protagonist Marvin mit seinem Zwillingsbruder Tyler besucht, entwickelt sich eine Schießerei zwischen Gangs, die Polizei rückt an, Tyler ist nach dem Vorfall verschwunden. Scheinbar sofort stellt sich allerdings durch ein geleaktes Video heraus, dass Tyler von einem Polizisten erschossen wurde – ohne einen klar ersichtlichen Grund.

Letztlich verläuft die Handlung etwas anders, denn das Buch ist schon circa zur Hälfte gelesen, als sich Tylers Tod wirklich herausstellt. Davor ist Tyler verschwunden und Marvin versucht ihn zu finden. Die Vermutung kommt sogar auf, Tyler habe einfach nur genug von allem gehabt und sei verschwunden – bis die Polizei kommt und Marvin und seiner Mutter verkündet, eine Leiche gefunden zu haben, bei der es sich höchstwahrscheinlich um Tylers handelt.

Im Handlungsverlauf ist das für mich eine Lücke, die durchaus noch hätte geklärt werden können. Tyler wird in einer Gasse in der Nähe der eskalierten Party gefunden, kurz darauf landet aber tatsächlich ein Video im Internet, das zeigt, wie Tyler von einem Cop erschossen wird. Zeigt nicht schon dieses Zurücklassen, dass hier etwas nicht in Ordnung ist? In jedem Fall wäre der Polizist doch verpflichtet gewesen, Verstärkung zu rufen oder die Schießerei zu melden, doch das hat er offenbar nicht getan, wenn Tylers Leiche Tage später gefunden wird. Das ist ein Aspekt, der im ganzen Buch aber gar nicht angesprochen oder aufgeworfen wird.

Generell sollte man von Tyler Johnson Was Here keine Lösung erwarten – das ist auch gut so, denn diese kann es gar nicht geben, nicht sofort und nicht von heute auf morgen. Die besten Nachrichten sind, dass es zur Anklage des Polizisten kommt, aber viel mehr wird nicht geklärt.  Ich muss sagen, dass ich mir mehr gewünscht hätte – irgendeinen Lösungsansatz, Ideen des Protagonisten, die sich auf mehr beziehen, als seine eigene Zukunft und sich vorzunehmen, nie zu vergessen und allen zu zeigen, dass Tylers Leben eine Bedeutung hatte. Versteht mich bitte nicht falsch, das ist eine sehr wichtige Bewegung und auch eine Erkenntnis, die man nicht erst machen müssen sollte. Auf der einen Seite drückt Tyler Johnson Was Here tatsächlich sehr gut die reale Machtlosigkeit aus, auf der anderen Seite aber auch ein Stück zu viel Hoffnungslosigkeit.

Trotz der andauernden und heftigen Trauer von Marvin muss ich sagen, dass mir viele Punkte der Handlung auch der Verlust seines Zwillingsbruders nicht wahnsinnig nahe gegangen sind. Manches Mal sind die Gedanken des Protagonisten beinahe schon ein wenig zu logisch und erwachsen, vielleicht auch zu einstudiert. Mein größter Kritikpunkt an Tyler Johnson Was Here ist, dass das Buch stellenweise auf mich so wirkte, als sei es nach einem klaren Outline und mit bestimmten Vorgaben entstanden. Anders gesagt: Ich habe einige Creative Writing Kurs Anwandlungen gespürt.

So geht es am Anfang erstaunlich oft und recht zusammenhangslos um Sex und Selbstbefriedigung, vermutlich, weil das in einem Jugendbuch so sein muss, die Harry Potter Anspielung kommt gegen Ende ebenso unvermittelt und eher unpassend, die ganze Handlung wirkt wie ganz klar in verschiedene Schritte unterteilt und dass es am Ende neben Collegebewerbungen auch noch um Tylers Erstes Mal geht, wirkt ebenso konsequent und etwas aufgesetzt – auch wenn die Szene dazu wirklich gut ist. Generell gibt es am flüssigen Schreibstil wirklich nichts auszusetzen, auch wenn das Aufbauen von Bindungen mir eher schwierig gefallen ist und mir manchmal doch ein Stück Tiefgang gefehlt hat.

Exzellent dagegen ist die Liebesgeschichte, die sicherlich auch nicht fehlen darf. So eine konsequente und logische, aber trotz allem nicht aufdringliche Umsetzung einer solchen habe ich in einem Jugendbuch schon länger nicht mehr erlebt. Alles andere wäre zwar auch unpassend und letztlich beinahe lächerlich, allerdings versteht es Jay Coles wirklich gut, die aufkeimenden Gefühle durch unterschwellige Gedanken und Andeutungen auszudrücken als wirklich vordergründig – zumal in Marvins gerade sowieso alles Kopf steht.

Unterm Strich ist Tyler Johnson Was Here eine wertvolle und auch wichtige Lektüre. Eine Lösung hätte es gar nicht präsentieren sollen oder dürfen, aber ich hatte den Eindruck, dass das Buch doch noch hätte mehr werden können. Marvin spricht davon, dass sein Bruder nur noch ein Hashtag ist, aber so viel mehr gewesen sei. So ähnlich ist es mit diesem Debütroman irgendwie auch. Wenn man das Outline aufschreibt, ist dieses sicher großartig, aber für die ganz große Durchschlagskraft fehlt doch noch was gewisse Etwas.

Informationen zum Buch

Titel: Tyler Johnson Was Here
Autor: Jay Coles
Verlag: Little, Brown
ISBN-10: 0316440779
Umfang: Ca. 296 Seiten
Erscheinungstermin: 20. März 2018.

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